Sonntag, 22. April 2018

SIGGIS CHOICE - Filmabend April 2018, No. 1 (Tipps vom 16.04. - 22.04.2018)

Dagmar Lassander, Raimund Harmstorf, Sibylle Rauch

Liebe Leser,

nun sehen wir uns doch ein bisschen früher wieder, als es in den letzten Wochen der Regelfall war! Das Ding ist nämlich, dass wir vom Zeitplan her gerade zwischen zwei dicken Filmabenden stecken – würde ich die Verarbeitung des ersten auf die nächste Woche verschieben, wäre ich selber zu verwirrt und würde mir zu viel Druck, quasi mehr und mehr Filme auf einmal aufdrücken. Noch ein Einblick in meine Logik: Wenn ich von einer Woche noch Movies zum Schreiben über habe, die ich besprechen will, schaue ich in der neuen automatisch weniger Filme – Arbeit und schönes Wanderwetter kommen da natürlich auch auf die Rechnung (und da war gerade letzteres nun absolut Bombe!), aber ich will mich so oder so nicht unbedingt aushungern, was den Streifenkonsum angeht. Deshalb rekapituliere ich heute in erster Linie alles, was mir Siegfried Bendix innerhalb eines regulären Filmabends und Mini-Filmabends servierte. Wunderbare Sache, das, Keule - es war eine tolle Mischung, das kann ich mit Fug und Recht behaupten! Der einzige Ausreißer in der ersten Runde am Samstag war höchstens „Ritter Jamal – Eine schwarze Komödie“. Das einzig Aufregende an dem Film war höchstens, auf die Pizza bzw. den Burger zu warten, den wir vorher bestellt hatten. Ansonsten kann ich mich nicht dran erinnern, dass Martin Lawrence mal so eine hyperdröge Pseudo-Kiddie-Gag-Reihenfolge abliefern durfte - und das, obwohl sich ihm als schwarzer Yankee am Hofe des König Artus zumindest genug Raum für einen Ulk der Kontraste bot. Da hatte selbst die „House Party“ mehr Pfiff - und die war schon voll hemdsärmeligster Aufmucker-Sabbelei. Als besserer Funnyman konnte sich daraufhin Rob Schneider bewähren, nach den „Surf Ninjas“ wieder mal im Filmabend unter der Ägide von „Judge Dredd“ zugegen! Da mir dieser schon seit der Kindheit bekannt ist, will ich hier nicht den Topfilm unter dem Einfluss der rosaroten Brille ankündigen. Er ist aber durchaus noch eine kuriose Übergangslösung zwischen 80er Bullen-Selbstjustiz-Pathos, 90er Sci-Fi-Action à la Carolco und Men-In-Black-artiger Persiflage. Allemal witzig anzusehen, wie Stallone versucht, sich da zu positionieren - ein gelungeneres Experiment seinerseits im Vergleich zu „Oscar – Vom Regen in die Traufe“, aber irgendwo auch ein bemühter Nachklapp vom „Demolition Man“. 

Martin Lawrence, Sylvester Stallone, Rob Schneider
Die berühmte "Zwei-Wort-Titel"-Reihe

Ein Film, der noch am Filmabend lief, aber nicht bei den Empfehlungen auftaucht, heißt „Blood Freak“. Der ist sogar ziemlich aufreibend, aber hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt, wie viele Filme aus der Sparte Something Weird eben überzeugen: Als Nirwana des Unvermögens, in der alles sehr langsam, enorm urig und technisch katastrophal auf den Nervenkitzel des Horrors aus ist. Allerdings geht es hier auch um einen mordenden Truthahnmann, der grundsätzlich des Marihuanas wegen zu jener Transformation gelangte und nur durch Jesus‘ Liebe gerettet wird. Filmemacher anno 2018 würden aus der Prämisse eine absichtlich miese und weit beschissenere Komödie erschaffen als das, was sich hier so angenehm ins blutige Durcheinander der Hippie-Moralkeule treibt. Allein der Besuch des angehenden Freaks auf der Truthahnfarm mit anschließender Verköstigung in Rekordlänge lässt Freude schöpfen, doch wir waren zu dem Zeitpunkt schon etwas hinter dem Horizont der Nüchternheit, also kann ich gerade nicht auf noch mehr stichhaltige Qualitäten zurückgreifen. Soll euch aber nicht von der Sichtung abhalten! 

Nicolas Cage, Joey King, Ryan Phillippe

Zwei kleinere Tipps noch vom bereits am Montag erfolgten Mini-Filmabend, wobei diese ihre Vorzüge noch sparsamer einsetzen: „The Humanity Bureau – Flucht aus New America“ muss es sich als Nicolas-Cage-Vehikel tatsächlich gefallen lassen, dass jemand anderes ihm die Show stiehlt: Jungdarsteller Lucas Weller, dem das Drehbuch (und die wie immer kostengünstige NEW-KSM-Synchro) so viele Trottelsätze und Fehltritte auf den Leib schreibt, dass er natürlich den Sohn von Cage gibt. Ups, Spoiler, egal! Es ist ja nicht so, als ob dieses dystopische Drama wirklich mehr aufbieten kann als eine lasche Melange aus „Looper“, „Soylent Green“ und „Logan“. Die einzelnen dramaturgischen Entscheidungen dazwischen hauen aber auch teilweise Abstruses raus, da stört es gar nicht mal mehr so sehr, dass das Narrativ nie so richtig aus der Exposition in die Progression umsteigen kann. Das Problem haftet zeitweise übrigens auch John R. Leonettis „Wish Upon“ an, aber ist nur das geringste Übel, das dort auffällt. Es wurde schon vielerorts darüber berichtet, wie daneben der Wünschelhorror am Teenie-Zeitgeist entlang schrammt und auch sonst mit Menschenkenntnis sowie seiner Genresprache an sich auf Kriegsfuß steht. Ich glaube nicht, dass ich da noch was Neues hinzufügen kann, außer, dass der erzählerische Flow gleichzeitig unfassbar vage, sperrig und peinlichst-auf-Kalkül-produziert ins Spektrum belehrender Spukgeschichten wandert. Solch eine abgewichste Merkwürdigkeit kann ich natürlich nur empfehlen, auch weil die Studiomasche selten so offen und taktlos ihr Baukastenprinzip offenbart. Perfekt erquickender Frust! Aber gut, dem Rest an jüngsten Sichtungen konnte ich überzeugendere Argumente abgewinnen und ich hoffe, dass ihr diese auch erkennen könnt bzw. wollt. Lest’s jetzt, schaut’s im Nachhinein, der nächste Filmabend und der Blog dazu werden bald bei euch sein!


Feel the motion, Sissy Kelling, Ingolf Lück


DER FORMEL EINS FILM (Wolfgang Büld, 1985) – Mit der Liebe lässt sich so manche Hitparade erstürmen, deswegen klinkt sie sich auch hier umso leichter in die Zeitgeist-Blödelei musikalischer Späße ein. Basierend auf der gleichnamigen TV-Sendung der Dritten bitten die berüchtigten Achtziger Jahre zum Eskapismus binnen schrillen Studiobetriebs und Stars zur Revue (u.a. Filmabend-Stammgäste Meat Loaf, Pia Zadora, The Flirts) als Grundlage fürs BRD-Teen-Abenteuer - gespickt mit Insider-Gags und Branchenklischees gleichermaßen, um welche sich die angehende Newcomerin und gegenwärtige Automechanikerin („Flashdance“ lässt grüßen) Tina Lehman (Nena-Zwilling Sissy Kelling) bewirbt und ständig abschmiert, da ihr Demo in allerlei Situationskomiken verschütt geht. Ihre Odyssee wird solch ein Ende nehmen, wie man es sich vorstellt - da macht sich Regisseur und Ko-Autor Wolfgang Büld keine Illusionen, obgleich sein romantischer Pop voll von denen ist, selbst die Persiflage der Szene und ihren mehr als zwielichtigen Managern eher auf irre Streiche und Eifersüchteleien polt. Dies turbulente Treiben funzt dennoch oder gerade dann als Zeitkapsel kunterbunter Unbedarftheit, wenn Büld so ziemlich „A Hard Day’s Night“, Jugendspekulation der LISA-Film und ein bisschen Punk koppelt, um so schier überzeichnet auf zig Anlaufstellen der Selbstfindung anno Kalter/Kult-Krieg zu kommen: 

Campino, Sissy Kelling, Ingolf Lück, Limahl, Pia Zadora, Falco, Meat Loaf

Karrierechancen und –knicke, Musterung und Praktikantinnenausbeute, die Ambivalenz des Groupie-Daseins und die hektische Kurzsichtigkeit Ingolf Lücks. Dazwischen melden sich die zur Amour verquickten Missverständnisse Stevies (Frank Meyer-Brockmann) hinsichtlich Tina, wiederum ihr Familienleben um die Neuentdeckung PC sowie die Toten Hosen auf Imagesuche. Campino und Co. betreiben dabei übrigens derart viel Faschingsrassismus, dass sie ihren Echo zurückgeben müssten. Im kritischen Rückblick bieten sich zudem die Überpräsenz von Super Dickmann’s und die Frage, ob Falco - dem ulkigsten Gastauftritt als Bindeglied zwischen Monaco Franze und Tom Cruise - jemals eine Hauptrolle angeboten wurde. Das Ganze bleibt eben mehr Show als Film, man wünscht sich mehr aufrichtige Aufmüpfigkeit und freche Schnauzen, bekommt stattdessen aber mehrmals die voll ausgespielte Musikvideo-Ästhetik. Allerdings: Wer manchmal alles aus dem Kessel Buntes springt, dürfte selbst strengsten Autorenfilm-Verköstigern imponieren und der Charme der garantiert nicht mundfaulen teen romance inkl. Verfolgungsjagden sowie schrottreifen Karren gen Finale sprudelt sich eh in Unmengen zusammen. Eine winning formula, trotz Limahl, der als Person wie immer alles Negative an seiner Ära vereint.


Xin shu shan jian xia


ZU WARRIORS FROM THE MAGIC MOUNTAIN (Tsui Hark, 1983) – Das Verhältnis von Form und Inhalt ist bei Tsui Hark schon eine sehr eigene Sache, das ist dem Leser dieses Blogs sicherlich schon einigermaßen bekannt. Da überrascht es also auch nicht, wie er die Fantasy-Folklore in diesem Fall wiederum auf den Höchstlevel allgemeiner Verunsicherung treibt. Das Chaos hat sich eingelebt: Ein Spektakel der Spezialeffekte rangelt sich um den ewigen Kampf von Gut und Böse, während die Überwältigung meist irgendwie im Auge des Hurrikans stattfindet. Alles ist stets spontan und grandios groß am Wegfetzen, während die permanente Exposition (inkl. Untertitelmassaker) um Dik Ming-kei (Yuen Biao) überhastig aus dem mythischen Nähkästchen plaudert, sich im gleichen Moment umsetzt. Dementsprechend flott erfährt dieser seine Begegnungen mit Berggeistern, übernatürlichen Meistern und Schutzherrinnen der Sterblichkeit, ehe er der unverhoffte Schüler von Ding Yan (Adam Cheng) wird, des Nächtens wie allesamt in den Flugmodus des Wire-Fu‘s umschaltet. Überirdische wie höllische Magien wirbeln den Schlagabtausch dabei so virtuos auf, dass jedwede externe Dramatik des Überblicks halber kaum probiert wird – obgleich es hier bestimmt nicht an Schicksal und Aufopferung mangelt, entgeht Hark dem Melodram weitgehend in der Gegenüberstellung mit dem nächsten surrealen Effekt.



Die Supermänner im Strudel elementarer Herausforderungen bewandern ohnehin die Grenzen von Dies- und Jenseits, der Film leistet dem Folge und stülpt seine Szenarien mit fliegenden Flammen, Portalen, geißelnden Barthaaren, Erdbeben und Doppelgängern um, dass einem knapp 100 Minuten lang die Kinnlade runtersteht. Die Frage nach dem eigentlichen Inhalt wird da Stück für Stück vergebens, was sich zwischen den Extremen an Shaw-Bros.-Wuxia und „Ashes of Time“ tatsächlich ziemlich gut verleben lässt, sowieso am ehesten damit begeistert, welche fantastischen Visionen und Nachtmahre hier vor der Linse produziert werden können, während Harks Kamera- und Schnittdynamik wie eh und je an ihren jeweiligen Grenzen wackelt. In dem Sinne gigantisch, aber eben kein episches Erzählkino (wir sind ja hier noch nicht bei „Once upon a time in China“ angekommen). Seinerseits sicher zu durchschauen ist, dass Generationen/Nationen/Geschlechter an Kämpfern ihren Frieden untereinander finden sollen, um das Gleichgewicht im Erdkern an sich halten zu können. Natürlich steht das im Widerspruch zum Augenmerk des Ausschweifens in Harks Werk, aber mit den Kontrasten geht man bei dem Herren dauernd gerne auf Tuchfühlung.


Sex Maniac


MANIAC aka SEX MANIAC (Dwain Esper, 1934) – Aus einem der frühsten Lager amerikanischer Exploitation grüßt das Panorama an Geisteskrankheit aus dem Keller/Studio und scheint sich in einem Madman (Bill Woods als Don Maxwell) zu bündeln, der sogar die Rolle seines Mad-Scientist-Lehrmeisters (Horace B. Carpenter als Dr. Meirschultz) mit Brille und Bart übernimmt, ehe er die zerfressende Schuld à la Edgar Allan Poe in sich als Gipfel einer vollends entrückten Welt rauslässt – so als wäre er den brachial reingeschnittenen Texttafeln an Psychose-Definitionstexten erlegen, krasse Konkurrenz für Moses und seine 10 Gebote! Knapp 50 Minuten lang unterwandern Prä-Sleaze-Unternehmer Dwain Esper und seine Ehefrau/Drehbuchautorin Hildegarde Stadie somit vielerlei moralische Konstanten ihrer Roadshow-Zielgruppe, machen aus Sex und Gewalt keinen Hehl, wie der Ton untereinander ebenso im moralischen Bodensatz an Verschwörung, Blutdurst, Spekulation und Hysterie angesiedelt bleibt. Die Akteure dazu bewegen sich meist wie angewurzelt im Kosmos des Spartanischen, schwadronieren aber mit dem Größenwahn, obgleich Katzen und Ratten beinahe auf Augenhöhe mit ihnen untereinander kämpfen. Alle sind eben schon ganz unten angekommen, doch selbst als Leiche hat man da keine Ruhe: 


Die Experimente mit dem Nachleben sollen wahr werden, bleiben natürlich ein Hirngespinst der Fledderei wie jene Urheber dessen auch allzu falsch in die Rolle des Psychiaters schlüpfen. Viel lieber erwarten diese aber ihre Rollenverteilung als Täter und Opfer, weshalb der Revolver schon griffbereit neben dem Einmachglas mit Hirn im Labor verstaut liegt. Solch ein Grad an paranoider Planung geht dementsprechend im Wahnsinn auf, parallel dazu ist die Unbeholfenheit der Regieführung ein absoluter Glücksgriff: Alles schleppt sich in die Ekstase niederer Impulse, die Gewalt ist so karg wie ungelenk von physischen wie psychischen Wänden eingekesselt und dann tummeln sich noch Ausschnitte aus europäischen Höllenvisionen der Stummfilmzeit zum Kopfkino der Manie zusammen. Der ständigen banalen Verbalisierung wegen bleibt keine Deutung dazu offen, umso offener blickt der Film auf Frauen in Unterwäsche und bald danach auch auf Frauen im Faustkampf mit ihren Mordsplänen, wohlgemerkt nachdem das Katzenauge von Maxwell aus der Höhle gedrückt und verspeist wurde – er hat gut lachen, selbst, sobald ihn die Bullen in flagranti stellen. Eine reichlich abgeräudete Parade der Untiefen.




DAS WUNDER (Eckhart Schmidt, 1985) – Wo der deutsche Film an sich ja schon ein netter Geselle ist, erlebt man ihn nicht selten anstrengend, ganz gleich, ob man ihn der E- oder U-Kunst zuordnen mag. Erst letztens re-störten mich Grönings „Die Terroristen“ und Kraumes „Dunckel“ mit ihrer jeweils selbstgefälligen und stumpfen Haltung ins Belanglose hinein und auch wenn dies symptomatisch für die deutsche Kultur allgemein stehen kann, bliebe was Lebhaftes abseits der Genre-Signale dann doch eher hängen. Ein hingegen gelingender Blick zurück ins Glück bietet da Schmidts Wunderwerk, obgleich der Mann sonst nun wirklich kaum was an Anstrengung ausspart. Man erwartet z.B. auch hier von Anfang an, dass Sal Paradise mit einem Track die Gesamtbeschallung stellt, doch selbst da bieten sich einfach mehr Nuancen, mehr Fallhöhen in einem waschechten Familienmelodram an. Jenes buhlt um die religiöse Wende, malt aber Kontraste in der Dissonanz laut, die vom denkbar grellen Export-Trio Raimund Harmstorf, Dagmar Lassander und Anja Schüte ins gesamte Spektrum an Liebe/Hass getragen wird. Letztere, als Tochter Raphaela, hadert nämlich mit ihrer Blindheit, findet durch Zimmermädchen Maria (Anouschka Renzi) jedoch verstärkt zum Glauben/zur Verzweiflung, alsbald in ein echtes Leben zu entkommen. 

Anja Schüte, Dagmar Lassander, Raimund Harmstorf, Anouschka Renzi

Dies ruft die Eifersucht der Mutter (Lassander) auf den Plan, während sie der Untreue des Vaters (Harmstorf) wegen schon mit Antipathie in den Tag hinein lebt. Die giften sich an, nur gehen ihre Entscheidungen öfters in die Defensive – Harmstorf spielt das am schönsten als cholerisches Muskelpaket mit Hang zur stillen Vorsicht, sobald es um die Tochter geht, welche wiederum ihre besten emotionalen Kernsätze im Stil der Stille findet. Dennoch sind alle stets geladen, kurz vor dem Suizid und sowieso beziehungsunfähig, zusammen einsam. Schmidt kurvt da mit scharfen Perspektiven in den Luxus und dessen wechselwürgende Hilflosigkeit, dass die Rettung im Sakralen im Gegenzug nicht unbedingt heimisch daherkommt, eher noch als absurderes Delirium - wenn auch gewiss nicht ohne empathischen Effekt und, noch besser, vom Reiz zeitloser Spurensuche ins Übernatürliche nährend. Für manchen Zuschauer eventuell ein bissl zuviel Märchen, aber wie auch immer die Fügung verläuft: Bei Schmidts Verhältnissen muss man halt festhalten, wenn überhaupt mal dramaturgische Entwicklungen stattfinden (und dennoch Spontanitäten wie die Story um Raphaelas Ex-Boyfriend einbaut) – und in diesem Fall geraten sie zu einer deftigen Passion gegen die/mitten in der Entfremdung. Klingt ein bisschen nach Tsui Hark.


Jason Bateman


TEEN WOLF 2 (Christopher Leitch, 1987) – Wo wir gerade beim Thema sind: „Wunderbare Sache, das!”, ist einer der wiederholten Sprüche im Rahmen der deutschen Synchro (womöglich von Dr. Michael Nowak?), welche diese Fortsetzung der Michael J. Fox-Wolfskanone veredelt (Das Lexikon des Internationalen Films meint hingegen, dass diese den Film erst recht ungenießbar macht - drollig). Jason Bateman ist nämlich als Ersatz dessen zugegen und erlebt so ziemlich dieselbe Storyline vom Cousin, wobei er bereits vom lykanthropischen Schicksal seinerseits weiß und trotzdem mit guten Noten allein durchs College wuseln will – nur dass ihn der unvermeidlich haarige Ausbruch an inneren Werten letztendlich nicht zum Basketball, sondern in den Boxring führen. Selbst die moralische Reagonomie, sich im Ehrgeiz nicht nur auf die naheliegende (athletische) Kurzfristigkeit und Popularität zu verlassen, sondern auch wirklich was für sein Umfeld zu leisten; Disziplin, Wissen und natürlich Menschlichkeit zu beweisen: Altbekannt und -backen. Und davon gab es noch eine TV-Serie? Wie dem auch sei, wegen der internen Wiederholung kommt hiesiger Teil scheinbar nie gut weg und obwohl man durchaus argumentieren kann, dass der Vorgänger zudem mehr Schauwerte und (streitbar) Verquickungen anbot, lief der zweite Wolf dann doch noch mehr zur spaßtreibenden Hochform auf. 


Das liegt einerseits an der inhärenten Honkigkeit der ewigen Spackenvisage Jason Batemans, andererseits an der vollen Blödelladung im verbalen Umgang binnen der Jungs und Mädels, die solche Laberschöpfungen wie „Saudische Kurzsocke, ein sehr seltener Fuppe“, „Wenn der seinen Büffel parkt, staubt’s“ und „Kröte am Mitttag, Pech am Dritttag“ beinahe im Sekundentakt liefert. Macht umso stärker Bock, da allesamt auch als Pointen frischer Frechheit gegenüber den fiesen Dekan, den Raudis und verwirrten Hormonen hinhauen, also muss man hier keinen Brunnemann-Overkill erwarten. Dennoch empfiehlt es sich, die eine oder andere Flasche Promilleverstärker mitzunehmen – insbesondere, wenn es auf das letzte entscheidende Match zugeht, das vermutlich ein Drittel des gesamten Films einnimmt. Vorher gibt’s jedoch eine Montage mit „Send me an Angel“ von Real Life – eine schicke Überraschung und Rückblende zur Filmabend-Legende „Rad“! Sind solche externen Faktoren (sowie der ohnehin bewährte, hier zeitweise recht abwegige College-Schabernack) dafür zuständig, dass der zwote Wolfsbursche bei uns so wirksam glückte? Mag sein, aber man erinnere sich: Alkohol konnte z.B. „Nukie“ jüngst nicht retten – jeder Fall ist anders und dieser hier feuert gehörig Juxpower ins Freundschaftsband.

Sonntag, 15. April 2018

Unsere Lage in fünf Angriffsflächen (Tipps vom 02.04. - 15.04.2018)

Dick Randall, Bruce Le, Sonny Chiba

Liebe Leser,

zwei herausfordernde Wochen liegen hinter mir. Und zwar hatte ich es in der ersteren nicht hingekriegt, auch nur einen Film zu sehen! Ein Entzug, wie er mir seit Jahren nicht mehr widerfahren ist – aber lasst die Bange nur im Klange: Dafür gab es in der zweiten Woche wieder ein sattes Programm plus Filmabend à la Siggi Bendix am Samstag! Den werde ich im heutigen Rahmen noch nicht näher erläutern können, dennoch hab ich fünf Beispiele aus einer Filmwelt parat, die sich weiß Gott wenig um den Netflix-vs.-Cannes-Kindergarten und Disneys Camorra-Taktiken scheren. Etwas außerhalb aller dieser Fronten hatte ich mich übrigens insofern betätigt, dass ich neben verlängerten Wanderschaften in der Sonne auch meinen Balkon gefegt hatte. Es strahlt vom Himmel, die Menschen kommen raus! Und die sind natürlich auch die eine oder andere Beobachtung wert, quasi filmreif, wa. Ich hatte dafür sogar Stöpsel im Ohr, Vaporwave im Blick auf die City oder auch M83, sobald ein Kid den Balanceakt auf einem Fahrradgeländer am Straßenrand versuchte. Ein weiterer toller Moment geschah just als ich aus dem Fenster sah, wie für mich gemacht: Eine Frau hatte beim Bistro gegenüber so eingeparkt, dass sie die Frontstange des Karrens hinter ihr deutlich anbumste. Daraufhin geschah erstmal nichts, ehe sie sich in aller Seelenruhe was aus dem Kofferraum holte und davon ging. Knapp 5 Minuten später ging bei ihrem Auto dann der Alarm los, warum auch immer. Die Menschen sind schon ne komische Sorte, aber genug von jenem externen Datensammeln meinerseits. Abschließend vor der Verkündung aller Empfehlungen gibt es dennoch ein weiteres Kuriosum, diesmal aus den Träumen, zu verzeichnen: Im Rahmen eines Hofbauer-Kongress-Äquivalents sollte „Hanna Amon“ erneut im Kino gezeigt werden, bei der Projektion fiel dann schnell auf, dass da eine herbe Alternativfassung auf der Rolle schlummerte: Hardcore-Inserts en masse sowie längere Episoden voll mit Adrien Hoven, der dem Fall wissbegierigst auf den Grund geht. Das Publikum war geschockt, aber auf der anderen Seite des Saals projizierte sich noch ein Nebenprogramm für solche, die es aufgrund ihrer verringerten Abenteuerlust in Anspruch nehmen wollten. Das wollte ich vorher nochmal loswerden, jetzt aber die Tipps, viel Spaß beim Lesen!


Thomas Davis


ASPHALTNACHT (Peter Fratzscher, 1980) - Letztes Mal hatten wir Lothar Meid schon bei den „Idolen“ ausgemacht, nun gerät er für „Panische Zeiten“- Regisseur Peter Fratzscher erneut als Komponist eines Zeitgeists auf den Plan, wenn auch mehr als Ghostsongwriter eines urbanen Taumelns, das die Identität aus der Kuppelei mit der Musikgeschichte hinterfragt und derer dann dort noch ständig sowie mehrmals verpuppt begegnet. Diese Ironie fliegt gewiss nicht über die Köpfe ihrer Akteure hinweg: Rock(balladen)produzent und angehendes Solotalent Angel (Gerd Udo Heinemann) aus der verdampften 68er-Aufbruchszeit sowie No-Future-Punk-Pendant Johnny (Thomas Davis) kennen die Phrasen, Symbole, Symbolträger und Philosophien ihres Mediums in- und auswendig. Das ergibt allerdings keine Gesprächsrunde abklopfender Nettigkeiten - es ist höchstens für den Zuschauer sehr unterhaltsam, quasi doof und dufte im Einklang, wie die Zwei damit im Dialog gegenwärtiger Bestandsaufnahme posieren gehen und in den Wald des Kulturpessimismus schreien, ihre Slogans auch im Selbstgespräch bringen. Mit dem Zufall macht die Inszenierung halt gerne Kontakt – er lässt seine Teilnehmer zwischen Sonne, Schauer, Einstürzenden Neubauten und Unfallkarren zueinander finden, entzweien und im Chaos der Berliner Stadtlandschaft wieder entdecken.

Peter Fratzscher, Gerd Udo Heinemann, Thomas Davis, Debbie Neon

Die Lässigkeit darin bringt sich als Symbiose umso besoffener auf den Trip aus zig grellen Nachtkulissen, gleichzeitig stichhaltiger auf die Kritik an Szenemanieren, an berufsbedingten Abhängigkeitsverhältnissen und Narzissmen. Wieder eine Ironie wider der Ironie, wohl auch deshalb gilt der Film unter Kennern als Kult, ferner als Zeugnis einer eingemauerten Filterblase, in der ausschließlich das Neon lebt (sogar Debbie Neon!), die Ikonen gemacht werden/gemacht an den Wänden hängen. Die dokumentierte Dekoration ist anno 2018 sogar schon sowas wie Nostalgie, im Rahmen des Films wird der Drang zum neuen Stil dann auch erst recht zum Hauptthema der Verdrossenheit (im Angesicht von 1984) – selbst sobald er gefunden wird, scheint er eher eine Lücke im Wert kurzlebiger 200 D-Mark zu schließen. Die pragmatische Coolness/Langeweile schärft ihre Sieger zum perpetuum mobile an. Das zeigt sich schon am Tag danach: Die Bullen wie gehabt im Rücken, gerade noch aus der Jägerkluft der Biker entkommen und angeschlitzt; beim Tunnelrennen mitten drin das Girl gewonnen, dieses im nächsten Parkhaus wiederum in die Freiheit entlassen – wäre schlimm, wenn man danach nicht gleich wieder gen Lieblingstrack jumpen könnte, selbst wenn der unverhoffte Partner auf dessen falsche Sentimentalitäten scheißt. Rock’n’Roll is bigger than all of us, indes geht eine packend rotzende Bromance auf Tour, die in ihren Hoffnungen sterben wie aufgehen will.


Etsuko Shihomi, Sonny Chiba, Yasuaki Kurata


HISSATSU ONNA KENSHI aka DRAGON PRINCESS (Yu Kohira, 1976) - Etsuko Shihomi, uns nicht nur im Rahmen dieses Blogs hinreichend als Sister Street Fighter bekannt, erfüllt diese Woche die Frauenquote binnen hiesiger Zeilen. Schade, dass der Film dazu etwas konventioneller ausfällt als manche ihrer Karate-Exploitation-Ausflüge unter Kazuhiko Yamaguchi. Dabei ist Yu Kohira, der Macher hinter der Dragon Princess, kein unbeschriebenes Blatt im Actionkino deftigerer Sorte. Seine „Easy Riders von Tokio“ glänzten mit Verbalausfällen und rauen Effekten, in dieser wie abermals von Toei verlebten Produktion gestaltet er das Rache-Motiv jedoch zum vergleichsweise spröden Melodram der Stile, Gut gegen Böse der Familie wegen. Das heißt für Yumi Higaki (Shihomi) genauer, die Ehre des Vaters Kazuma (Sonny Chiba) zu rehabilitieren, so wie die Darstellerin an sich oftmals im Schatten jenes Wildesten von Allen Chiba agierte. Das gibt dem Film wiederum einen satten Unterbau, der genauso gut als Verweis vonseiten „Kill Bill“ fungieren könnte: Im New-York-Prolog zeigt sich die Rivalität Kazumas zum korrupten Hironobu Nikaido (Bin Amatsu), der beim eigentlichen Duell seine Schergen auf ihn ansetzt und verstümmelt. Der qualitative Standard japanischen Kinos, mit seinen wüsten Panoramen und Blutballetten, erfüllt sich da so flugs wie die Schicksalsschwere Yumis, welche widerwillig auf den Dächern der L.A. Slums vom Leben entfernt im ständigen Training bleibt und da auch noch ihren einzigen Kontakt seiner alten Verletzungen wegen verliert.

Etsuko Shihomi, Sonny Chiba, Yasuaki Kurata

Danach kann es nur noch nach Japan gehen und man weiß, woher die Katharsis rühren wird: Sie zeigt den Azubis und Lakaien Nikaidos, wo die Faust drückt und macht ihn nervös. Das mündet vorerst in keiner direkten Konfrontation, eher verfolgt der Film, wie brachial dessen Vollstrecker (dieselben, die Kazuma überfielen) in einer Montage-à-la-„Pate“ weitere Konkurrenten ausschalten, während Yumi die nähere Nachbarschaft vor Yakuza-Pansen verteidigt. Die Pflicht nimmt sie exemplarisch auf sich, während auch der Rest des Ensembles im nationalen Wertesystem darauf anspricht, Verantwortung vor allem für die Familie (und auch irgendwo sich selbst) zu übernehmen. Der verdeckt ermittelnde Schüler Nikaidos, Masahiko Okizaki (Yasuaki Kurata, ebenfalls oft mit Frau Shihomi zu sehen), handelt aus ähnlich emotionaler Schlagkraft - gerne von heftigem Regenfall akzentuiert. Die größten stilistischen Stärken treten allerdings erst im Showdown aller auf: Wie da mit Farbfiltern, Zooms und dem Gewicht an Sounds gearbeitet wird, macht da noch mehr an Ekstase/Poesie aus als die letztendlichen Finishing Moves der Gerechtigkeit. Trotzdem: Auge um Auge, wortwörtlich. Wenn es bloß nicht noch wildere Partien desselben Prinzips gäbe…




BRUCE KEHRT ZURÜCK (Bruce Le und Joseph Kong, 1982) - Kennt wer spontan noch das „Spezialkommando Feuervogel“? Also jenen eurasischen Geheimagenten-Abenteuer-Sleaze, der via Regie/Autoren/Hauptdarsteller-Kombo Bruce Le und Richard Harrison gegen üble Machenschaften und echte Tiger antrat? Wenn ja, dann hoffe ich doch, dass es demjenigen auch gefiel, denn mit dieser Rückkehr erwartet einem more of the same. Nicht, dass eine narrative Bindung zwischen den Filmen bestünde, aber der titelgebende Bruceploitation-Taiwanese macht als Eastern-Übermensch wie abermals die Sehenswürdigkeiten Europas unsicher, umgibt sich im Cast zudem mit Industriegesellen wie Dick Randall, Ultraräude Jean-Marie Pallardy (dessen Paris-Episode aus Moulin-Rouge-Pornos und Kindesentführung an den Assi-Level seiner eigenen Werke mahnt), Bolo Yeung und Harold Sakata (der seines Zeichens sogar das James-Bond-Theme aufgetönt bekommt), welche stets überflotte Vermöbelungen seinerseits auf den Weg mitkriegen. Im Grunde ein einziger riesiger Freundschaftsdienst, der sich der Nettigkeit halber in eine Honkparade maskulinen Eskapismus verwandeln konnte.


Binnen dieser ist der Plot so beiläufig wie spontan am Laufen/gerade wie es passt ausgedacht und dementsprechend bruchstückhaft auf Aktsuche, weshalb sich die Konzentration dementsprechend oft auf Drohsprüche, Straßenkämpfe, Attentate und eingecremte Brustwarzen versteift. Die infantil schellenden Labertaschen des Ensembles sonnen sich vor allem bei letzteren omnipräsent ins Zelluloid, bevor der nächste Schlägertrupp oder Scharfschütze ihr aufgegeiltes Idyll zu stören wagen. So gelangt die Entführung der (sich ebenfalls oft entblätternden) Konsulstochter anhand von schlagkräftigen Nachforschungen des Ex-Knackis Bruce über die römische Mafia hin zur French Connection gen Paris, gefolgt von Rache-Eskapaden in Hongkong gegen Ninjas mit Stop-Effekten, der Befreiung derer Sexsklavinnen sowie zum Endschlag gegen Superboss Sakata – ehe die abschließenden 20 Minuten noch die Konfrontation mit Hwang Jang Lee im Kolosseum herbeisehnen. Komischerweise erlaubt sich Bruce Le in jenen historischen Gängen so manch lachhaft vorsichtigen Spaziergang im Schnitt, wo zuvor aufgrund dauernd wechselnder und durchgeboxter Szenerie kein rechtes Zeitgefühl entsteht - die gemalten Knochenbrüche und Herzschläge zum Schluss bleiben trotzdem nicht aus. Angeberei, Hormonüberschüsse und Kintoppkompost können so bunt sein, es grüßt der Macho-Kindergarten!


Choehu-ui Jeongmumun


BRUCE LEI - KÖNIG DER TODESKRALLE (Kim Shi-hyeon, 1977) - Südkorea probierte sich auch mal an der Bruceploitation aus und konnte dabei auf Dragon Lee (bürgerlich Moon Kyoung-seok) zurückgreifen, der als Leinwandvolksheld mit Bruce-Lee-ähnelndem Konterfei (und bereits vorher angebauten Kampfsportskills) unter anderem eben auch den ‚König der Todeskralle‘ mimen durfte. Wie so vieles in der Welt der Martial-Arts-Massenware benutzt der Film dafür die Invasion Chinas durch die Japaner im Zweiten Weltkrieg als Aufhänger einer klischeebeladenen Gerechtigkeits-Dramaturgie – und wie in ebenso vielen Fällen des Genres besticht auch diese als Einfaltspinsel, der sich gleichsam mühsam in den Action-Plot-Minimalismus hineinlabert und anhand jener Struktur absurde Kampfspektakel reiht. Genau die richtigen Parameter für einen gelangweilten Nachmittag, der sich gerne schon von explodierenden Steinen begeistern lässt, wenn ein Bruce Lei (Dragon Lee) dies mit bloßem Kick hingebogen bekommt. Schnell entfalten sich daran auch die beliebt-bekannten Begleitumstände für solch markiges Handeln:

Dragon Lee

Der alte weise Meister, die unantastbar-naive (und extrastumpf gespielte) Liebelei zum Gürtel-Girl, Rückblenden zum jüngst von Hitler-Bärtchen-Japanern gemordeten Bruder, triste Wiesen und grelle Sets zum Fighten sowie ein Schnippelsoundtrack extrafrecher Bastelklaue. Das flutscht geschmeidig an einem vorbei, wie es auch die gern erlebte Freude an Unvermögen ergibt – zur Zuspitzung derer trägt jedoch bei, welche Superkräfte und somit surreale Effekte man der Todeskralle im Kampf um die Ehre des Kung-Fu/der Nation verliehen hat. Noch abstruser verläuft hingegen die Xenophobie der Protagonisten, die ihre Feinde per Hose-Runter demütigen, in Netzen zum prügelnden Lynchmob führen und trotzdem letztendlich darum buhlen, miteinander binnen Frieden und Respekt leben zu wollen. Kuriose externe Perspektive seitens der Südkoreaner, die sich dann auch etwas aus der schon zur Mitte hin augelösten Reibung verlaufen und einen Deutschjapaner namens Yoko (?) ins Leben rufen, der neue Morde und Entführungen anleiert, ehe er den Brucelmann in einer präparierten Gadget-Villa zur Game-Of-Death-Akrobatik herausfordert. Man darf dreimal raten, wer da alles stirbt. Sehr konsequent und billig das Ganze – wie meine Empfehlung dafür!


Jeannot Szwarc, William Castle


FEUERKÄFER (Jeannot Szwarc, 1975) - „Der weiße Hai 2“ feiert dieses Jahr sein vierzigstes Jubiläum, umso sinniger, dass ich mich kurz zum vorangegangen Tierhorror desselben Regisseurs äußern sollte. Ein Stück weit den Erfüllungsgehilfen darf Szwarc hier schon geben, da eigentlich Ko-Autor und Produzent William Castles Handschrift über dem Film liegen sollte, zumindest was das High-Concept (und einige unerfüllte Kino-Gimmick-Pläne) angeht. Die ersten Phasen des Films bestätigen auch dessen Lust am Publikumsschock, starten mit dem Erdbeben in der Kirche, halten die damit einhergehende Quelle der Bugs aber nicht unbedingt im Dorf. Die Furcht vorm brennenden Käferviech sucht alsbald nämlich nach einer Erklärung anhand des Uni-Professors James Parmiter (Bradford Dillman). Seine Versuche gleiten jedoch kontinuierlich in die Sucht ab, je krasser sich die Tiere von seiner distanzierten Experimentierphase zu was Persönlichem bilden. Zunächst nicht unfern von „Phase IV“ abgeleitet, brennt sich der Terror sodann in die Familie ein, zumal Parmiter der Sache soweit auf den Grund/in den tiefsten Erdspalt geht, dass ihn der Wahn umschlingt, obgleich oder weil jene Tiere mit ihrem kollektiven Schrecken sogar auf Suizid aus sind.

Bug (Jeannot Szwarc, 1975)

Diese Form der Steigerung in der Individualisierung entspricht durchaus einer Kehrtwende von Genre-Zeitgenossen, die stets einer konzentrierten Gemeinschaft den Kampf gegen jegliches geballtes Ungeziefer überlassen – zumal der Film auf einen Horror der Überhitzung setzt, der seinerzeit am ehesten in „Blutgericht in Texas“ seinen Ursprung fand (großes Kompliment!). Dazu gesellen sich bizarre Szenarien des Grauens, groteske Bilder vom Qualm per Schabenkleister, der sich in die Köpfe von Mensch wie Tier einnistet. Parmiter selbst setzt dem Ekel eine Folter via Lufthochdruck entgegen, wie steil will der Zuschauer da jeweils den Grad des Bösen messen? Problematisch dafür wird leider das ziemlich lasch geballte Narrativ, bei welchem die Geisteswissenschaften gegenüber sparsam ausgeteilten Reißereffekten kaum zur Geltung kommen. Die analytische Atmosphäre kuscht etwas vor der Belanglosigkeit, der Aufriss in Parmiters Untiefen allerdings kann den abschließenden Höllenschlund unendlicher Todeskräfte nochmal im Fieber auffangen. Unausgegoren mit effektiven Stichpunkten!

Sonntag, 1. April 2018

Bloggen zu Ostern ist kein Aprilscherz (Tipps vom 19.03. - 01.04.2018)

Puppa Armbrüster, Wolfgang Fierek, Stellan Skarsgård, Deborah Harry, Christina Lindberg, Robert Knepper

Liebe Leser,

ich bin zurück, auferstanden aus der Höhle! Nein, Gastautor Jesu ist nicht am Start, aber ihr guten Leute: Ich weiß, dass ihr zwei Wochen warten musstet (falls ihr gewartet habt), neues von der Wittigen Filmrundschau zu lesen. Dies ist übrigens nicht der neue Name des Blogs! Und das, obwohl den Begriff der wöchentlichen Tipps etwas frei auslege in letzter Zeit. Ich habe schon überlegt, Namen und Banner zu ändern, aber das war mir zu anstrengend – überlegt mal, wo überall bei Funk und Fernsehen und Presse und so ich die Änderungen ankündigen müsste, scheiße! Also lasst mal, der Name ist Tradition und ich steh mit meinem Namen für den Namen des Blogs! Wir haben ganz klar große Probleme in dieser unserer Zeit zu bewältigen, ich weiß das am besten. Und vor allem, das größte Übel zu diesem Osterfest ist hierzulande tatsächlich krasser denn je im Tagesthema: Das Wetter! Ja, haben wir’s denn Weihnachten?! Ich bin so wütend, da hab ich nur über sechs Filme geschrieben. Aber bevor wir zu diesen kommen, lasst mich euch eins sagen: 

GUARDIANS OF THE GALAXY VOL. 2 (James Gunn, 2017)

Ich habe dank Siegfried Bendix „Guardians of the Galaxy Vol. 2“ nachholen können und es war wieder mal kein guter Marvel-Film – die gegenwärtigen Probleme dieser Reihe an Einheitswaren sind hier nur etwas weniger nervtötend als beim letzten Spider-Man zugegen, da nicht alles in die Belanglosigkeit rein veralbert wurde. James Gunn hat sich dennoch total verlabert und kugelt sich vor allem gen Mittelteil in so viele Redundanzen rein, die er sodann mit der mehrfachen Wiederholung der beliebtesten Zutaten aus Vol. 1 zu kaschieren versucht. Der Mangel an Einfällen korrespondiert mit voll bemühtem Humor der Pointenbandbreite „Echt jetzt?!“ bis „Wie bitte?!“, in der Hoffnung, dass ungeduldige Lücken zwischen jenen Sprüchen noch mehr Witz versprühen. Das größte verschenkte Potenzial klafft da umso heftiger auf: Yondu und die Ravagers. Die erste Wiederbegegnung in jene Richtung sowie die Schlusssequenz (vor 1000 Post-Credit-Scenes) hatten beinahe einen Sog echter Charaktereinsicht über Vaterfiguren/Ersatzväter inne, doch der Honk-Humor musste sich dazwischen mischen, wie später auch das popkulturelle Kalkül um Erwähnungen von Knight Rider, Cheers, Pac-Man und sinnloserweise sogar „Mary Poppins“. Dazu kommt ein Maximum an CGI-Action, das jedes bunte Szenario geradezu aneinanderklatscht und von der eigenen Atemlosigkeit nichts zu wissen scheint – warum sonst würde Gunn dauernd versuchen, darin noch überdramatisch emotionale Entscheidungs-abschnitte zu reihen? Auch die Methodik erfüllt sich nur stückweise und gleichsam überstrapazierend, dass einem umso banger wird, irgendwann die Crossover-Hölle „Avengers: Infinity War“ sehen zu müssen. Bei Siggi liefen danach zumindest noch „Stürmische Liebe – Swept Away“ und „Den Himmel gibt’s echt, also war eine Steigerung des Abends in Sichtweite. Die unfassbaren Sexismus-Stimmungsschwankungen der Guy-Ritchie/Madonna-Melange und genauso die christlichen Wunder-Diskurse der Familie Burpo werden uns auf ewig in Erinnerung bleiben! Die ganzen Insider aus der Sichtung kläre ich hier entsprechend null auf, denn wen geht’s was an, häh?


Kommen wir aber nochmal zum anderen Großereignis der letzten Wochen: Mein Filmabend im März, kuratiert unter dem Titel „Acht Filme sind kein halber Tag“! Der Name war wie zu erwarten Programm und ja, der Zeitrahmen stimmte auch. Was lief unter dem gemeinsam angestauten Einfluss von 8 Flaschen Astra Kiezmische, 2 Dosen Rockstar Energy, 8 Dosen Coca-Cola sowie einer Flasche Cabernet-Sauvignon? Zunächst „Turtles II – Das Geheimnis des Ooze“, der uns allen bekannt ist – nur Siggi noch nicht und dieser mochte ihn dann doch! Wow, krasser hot take, ne? Wartet mal ab, die zentralen Filme jener Samstagsrunde habe ich dann doch intensiver in heutiger Empfehlungsspalte niedergeschrieben – außer „Lion Man“ und einen komischen Kurzfilm aus der Familiengeschichte anno 1992. Vor der Enthüllung der anderen Titel aber noch vier Mini-Empfehlungen, zu denen mir textlich absolut nichts eingefallen ist: Die höchstsympathische und bundesweit zockende Mint-Experten-Dokumentation „Monarch – Der Automatenschreck“ von Manfred Stelzer und Johannes Flütsch, die kernigen Sozialstudien „Der Hammermörder“ und „Verlierer“ von Bernd Schadewald (schade, dass ich bei ihm nen Block habe, aber mindestens ein Film wird’s hier nochmal schaffen) und der etwas zu lang geratene „God of Gamblers“ von Wong Jung, der seinerzeit immerhin den Großteil aller Hongkong-Film-Topoi höchst aufrichtig vereinen, aber nichts daran ändern konnte, dass ich von Kartenspielen weiterhin keinen Schimmer habe. So, ich hab euch lang genug ans Kreuz genagelt (höhöhö), jetzt dürft ihr die Eier suchen gehen und raten, welches von denen NICHT beim Filmabend vorkam und welches gemeinsame Thema die folgende Auswahl verbindet (ich weiß es nicht). Ich wünsche viel Spaß mit den Empfehlungen Eures duften Hasen:


Cleo Kretschmer, Wolfgang Fierek, Puppa Armbrüster


IDOLE (Klaus Lemke, 1976) – Ein ziemlich historisches Puzzlestück aus dem Werk des hier schon oft vertretenen Herr Lemke, da sein in den folgenden Jahren mehrmals hofiertes Leinwandpärchen Cleo Kretschmer und Wolfgang Fierek hier erstmals zusammen und bereits voller herzlicher Kleinigkeiten im Miteinander zum Einsatz kam. Deren Reibungskräfte erinnern daher nicht von ungefähr z.B. an jene der späteren „Amore“ – d.h., dass sich Cleo mächtig ins Zeug legt, als Dorfmadl Annerl nahe München dort Eifersucht zu züchten, wo sie das Herz ihres Lieblingsfußballboys Sepp (Fierek) einfangen will. Mit den Reizen der modernen wie feschen Dame von Welt kann sie allerdings nur binnen der Amateurliga glänzen (sie traut sich anfangs nicht mal, Schminke im Kiosk vor Ort zu kaufen) und wird dementsprechend ausgelacht – hundsgemeine Brüdersprüche und Mutti-Meckereien inklusive. Die Sache spitzt sich zu, als die Schwärmerei Richtung Tanzdame Puppa (Judith Armbrüster) im Örtlein vorbeischaut und in Begleitung der Coverband Pete und die Bavarians Gastronomie sowie ausgerechnet Sepp um den Verstand bringt. Die Puppa ist eben stets geradeaus, auch in ihrem Clinch mit den kaum verwöhnenden Verhältnissen – die Überforderung der Dorfdeppen sowie die negative Resonanz seitens Annerl sind vorprogrammiert. Sobald sich diese aber deswegen zusäuft, beginnt eine Odyssee, die zusammenschweißt und in Folge dessen aus dem urbanen Showbiz um Schnulzensänger Jack Meid (Lothar Meid, einige toll schreckliche Nummern wie „Bibi Bonbon“ aus seiner Feder darbietend) eine wiederum wortgewandte Komödie der Frechheiten entfesselt. 

IDOLE (Klaus Lemke, 1976)
IDOLE (Klaus Lemke, 1976)
IDOLE (Klaus Lemke, 1976)

Zanken, Schwärmen, sich gegenseitig unter die Fittiche nehmen, Beschwerden und Liebeserklärungen: Bewährte Kommunikationspole aus dem Œuvre Lemkes, die sich frisch nach „Teenagerliebe“ anhören, reisen wollen und gleichsam handheld inszeniert sind; in der Improvisation der hormonellen Naivität dennoch mehr auf die Pointe zugeschnitten scheinen – keineswegs zum Nachteil! Insbesondere Cleo strahlt da literweise Charme aus, wo ihre Prinzipien und Sehnsüchte liegen und wohin sie trotz aller Planlosigkeit ihrerseits der Puppa folgt. Ein toller Kontrast übrigens, wie jene neue Busenfreundin stets um ihr Ego und der Vorstellung von waschechter Anbaggerei ("Schmollen!") mit ihr streitet; trotzdem (wenn auch hinter vorgehaltener Wuschigkeit) gerne gemeinsam Fame-Phänomene schmiedet. Rom-Coms heutige Coleur müssen sich hier enormst verballhornt, auf jeden Fall hilflos übertroffen fühlen. Die Konstellation der Beiden ist jedenfalls so stimmig simpel wie erfrischend, einfach innig von Vertrauen und freiem Wankelmut geprägt, dass die Herren der Schöpfung im Vergleich allesamt nur schweren Atems hinterherkommen. Selbst Jack ist mit seiner Ausstrahlungskraft mehr so Romantiker vom Fach, bei Sepp scheint der Beliebtheitsstatus des Mannschaftskapitäns fast noch mehr Druck zu hinterlassen als die tollpatschige Unkenntnis gen Liebe – Peter Berling als Manager hingegen gibt sich so cholerisch (und angreifbar) wie Puppa; kein Wunder, dass sie später in sein Fach wechselt. Alles Menschen, die in ihrer Kleinkariertheit umso komischer wirken und im Zusammenspiel allmählich drüber hinauswachsen: Das macht im ursprünglichen Fernsehformat schon eine erhebliche Stärke der Annäherung aus - soweit auch, dass jene Lebhaftigkeit einige weitere Male erfolgreich wiederholt wurde, auch im Rückblick noch den besten Screwball von konsequenter Bodenständigkeit abgibt.


Nikolas Vogel


DIE ERBEN (Walter Bannert, 1983) – Irgendwelche Grauzonen beim Neonazi vorzufinden, damit will man sich eigentlich nur ungern auseinandersetzen – auch wenn aus einer Humanisierung nicht zwangsläufig die Normalisierung folgen muss, da die Verhältnisse von mindestens einer Partei aus erfahrungsgemäß eher gleich bleiben werden. Das Medium Film kann im Konflikt mit der Distanz verständlicherweise meist auch nicht anders, als die Muster des Gruppenverhaltens der alten wie neuen Rechte unter kritischer Beobachtung zu stellen (jüngst geschehen in Robert Schwentkes überreiztem „Der Hauptmann“), so wie sie sich im real life ohnehin dauernd bestätigen. Solche Mechanismen als Sozialstudie festzuhalten, zeigt sich da noch als Maximum der Sensibilität bei einem Sujet, das von sich aus eben auf keinerlei positive Aspekte zurückgreifen kann oder will (siehe dazu auch Uwe Frießners „Hass im Kopf“, die sehr direkte Haltestelle im braunen Sumpf). Nicht minder im Abstieg verankert, aber voll naturalistisch wie hyperfilmisch auf Strukturen, Effekte und Reaktionen des Rechtsrucks schneidend, zeichnet der Österreicher Walter Bannert eine Keimzelle des Hasses in stetiger Ausweitung gen Entmenschlichung. Mit Nostalgiekitsch, Überlegenheitsgedanken und unbedingter Kameradschaft wird dort eingangs eine gesellschaftliche Besserung vorgeschoben; irgendwann ist die Reflexion im Angesicht infamster (Selbst-)Lügen - die gleichzeitige Leugnung und Zelebrierung des Holocausts - dann auch so hinfällig sowie in jener Fassung gelobt, dass ihre Urheber erst recht die Lust an der Gewalt schöpfen. Stellvertretend dafür gerät Thomas Feigl (Nikolas Vogel) in solche Kreise, nachdem sich familiäre wie schulische Verhältnisse als Horte der seelischen Enthaltung vorstellen – inklusive Alkohol und Arbeitslosigkeit als Unterbau.


Jeder für sich und Gott gegen alle, auf Messers Schneide in immer brutalerer Antipathie (selbst gegenüber dem unbescholtenen Bruder Thomas'). Jugend mag sich nix sagen und einschlagen lassen, zudem nicht langweilen und so geht es ebenso frustbeladen-gleichgültig dorthin, wo die Fete noch den Schulterschluss verspricht. Jener mit der Vergangenheit unter Hitler und Co. kann sich vor laufenden Kameras sodann genauso pseudo-akademisch (ein Prototyp von Wolfgang M. Schmitt Jr. ist zufälligerweise auch anwesend) in die Provokation steuern/ins Parlament mogeln wie es 2018 noch gelingt. Bannerts Wahrhaftigkeit ist erschreckend frisch, zur Untermauerung derer gestaltet er Szenarien am Rande der Eskalationsreportage: U.a. Parteitage der totalen Verklärung; eskalierende Demonstrationen, die ihre Gegner für spätere Racheakte abfotografieren; Attentate auf wehrlose Menschen und Denkmäler zugleich, bis die militante Abkopplung im Untergrund an der Rassentilgung übt, Erinnerungen des Mordens als Machtbeweis auf dem Stammtisch ausbreitet. Terrorismus binnen selbstgefälliger Ermattung – mit jener Verwüstung im Innern füttert Bannert seine Ballung subkulturellen Bangens auch eher auf die konkrete Darstellung hin, ohne dafür (mit Ausnahme von vielleicht 1,2 Dialogen) noch allzu bemühte, emotionalisierte Hinweise mitzuliefern. Nicht, dass man als Zuschauer so oder so überhaupt irgendeinen Reiz Richtung Rechts verspüren könnte – schließlich spricht so oder so die Fassungslosigkeit aus seinen keineswegs Immersion scheuenden Bildern und bloßen Grinsebacken gelebten Horrors. „Die Erben“ zeigen sich schon ihrer selbst normalisiert und Bannert komprimiert im Gegenzug nix an deren Eigendynamik und Widersprüchen. Das ist schon heftig genug.


Meat Loaf, Kaki Hunter, Alice Cooper, Blondie


ROADIE (Alan Rudolph, 1980)Ach ja, so dachte ich mir, den kannste am Filmabend etwas gen Anfang platzieren, das wird eine sichere Nummer, ganz normaler Rockstar-Streifen, was auch immer. Dem war aber nicht so. Mit Größen wie Marvin Meat Loaf Aday, Deborah Blondie Harry, Roy Orbison und Alice Cooper im Ensemble lässt sich doch tatsächlich eine kuriose Übermacht des Abwegigen kredenzen: Den höchst kruden und mental durchweg labilen Roadmovie, der stets dem minderjährigen Groupie hinterher zu steigen versucht. Flirten nach Texas-Art, eben via Protagonist Travis W. Redfish (Meat Loaf), der binnen trinkfester Bärenkraft spontan seinen Messie-Hillbilly-Heimatschoß zurücklässt, um das 16 Jahre junge Küken Lola Bouilliabase (Kaki Hunter) zu vernaschen. Die tourt mit zwei Eventflaschen durch die Gegend und wünscht sich nichts sehnlicher, als bei Alice Cooper („Monster Dog“) im Bett zu landen – Redfish ist ihr jedoch so flott verfallen, dass er bei der Truppe als Roadie anheuert und jede noch so abenteuerliche Situation ins gelingende Chaos manövriert. Man orientiert sich da gerne am Konzept der Blues Brothers – soweit sogar, dass Doppelgänger derer auftauchen und ohnehin reichlich schrottreif gefahren wird, mit Zwinker-Smiley. Die Musikauswahl tendiert dabei eher zum Country – zumindest anhand von Coverversionen, die bis zum Punk verballhornt werden. Alles, was man da an Klischees vermutet, wird grundsätzlich nochmals übertönt, ehe die bierselige Hysterie aus dem Mikrokosmos der Backstagegrabenkämpfe („Kein Koks, kein Auftritt!“, „Kein Saft, also Strom aus Kuhscheiße, etc.“) vom Schlaghammer des Redfish so aufgemöbelt wird, dass er selber mehrere Gehirntraumata davon nimmt.

ROADIE (Alan Rudolph, 1980)
ROADIE (Alan Rudolph, 1980)
ROADIE (Alan Rudolph, 1980)

Solche Delirien halten fast so lange durch wie in Neil Youngs „Human Highway“, genauso intensiv wie die Hingabe zum fanatischen Flummi Lola. Die Kamera kann erst recht kaum von ihren Hot Pants lassen, schneidet aber sodann in die keifenden Mäuler der Texas-Räudensippe zurück, wobei sich vor allem Papi Corpus (Art Carney) mit Gemütlichkeitsapparaten wie einer mobilen Telefonzelle bemerkbar urig macht – das Geschrei ist eh überall im Gange, wir sind in den Vereinigten Staaten! Manch einer erzählt von seiner Spucksucht, Blondie trinkt einen unterm Tisch, Schneewittchens sieben Zwerge zetteln eine Schlägerei im Bingo-Salon an, Pansen vom Drogendezernat mit Revolver werden konstant ignoriert und es liegt zudem ein besonderes Augenmerk darauf, wie Alice Cooper (und sein Suspensorium) eine Quietschepuppe seiner selbst zerdrückt. Jenes Panoptikum der Unberechenbarkeit weitet sich im Verlauf in die Stratosphäre aus und zieht natürlich ständig schusselige Schlüsse bar jeder Sinne, ultra besoffen in der Misogynie und Scooby-Doo-Verfolgungsjagden. Schon beachtlich, wie man als Zuschauer da sowohl durch Klamauk als auch garstigster Y-Chromosonen durchgejagt wird und an allen moralischen Eckpfeilern abprallen muss, während sich der Party-Faktor im Fronten-Mash-Up selbst bekotzt, auf demselben Weg Ehe schließt und große Luftballons per Körpermasse platzen lässt. Der schlechte Geschmack geht auf Tournee und hat keine Skrupel, den Salat auf die Mattscheibe zu schmeißen – sehenswert!


Anita - ur en tonårsflickas dagbok, Christina Lindberg, Stellan Skarsgård


DAS SCHWEDENMÄDCHEN ANITA (Torgny Wickman, 1973) - Stellan Skarsgård machte sich schon in jungen Jahren über die Nymphomanen her. Dies belegt jenes hiesige Erotikdrama um die gerade mal 17-jährige und zum ständigen Geschlechtsverkehr hin gestörte Anita (Christina Lindberg), welche ihre Jugend der Hingabe zu 1001 Männern im Rückblick darlegt – froh darüber, dass der verständnisvolle Erik (Skarsgård) als einziger noch sorgsam ihre Narben bepflastert, (vorerst) die Finger von ihr lässt und sowieso ein offenes Ohr (plus Milchkarton) hat. Bilanz bzw. blank gezogen wird indes, wie unreflektiert ihr körperliches Angebot jeweils angenommen wurde, wie viel Kummer sie im Gegenzug ob der nimmer gelösten oder gar erfüllten Triebe hatte, während jede soziale Schicht und Sitte auf sie herunterzuschauen schien – angefangen in der (hier besonders widerlichen) Disziplin der Schule, aber insbesondere vom Kreise der Familie aus. Vater und Mutter regen sich bei Alltagstrivialitäten und mangelnder Bildung ('Wer war Rommel?!') auf, ebben hingegen in der Gleichgültigkeit ab, sobald Anita ihr frustriertes Verhältnis zur Sexualität sogar bei versammelter Gesellschaft vor ihnen nach außen trägt. Die gehörige Ladung Leistungsdruck ohne Entgelt äußert sich im charakterlichen Spektrum so zielsicher, dass sich das dramaturgische Konstrukt dazu nicht immer die Mühe zu machen scheint, bei den Szenarien der Schlussfolgerung genauso ökonomisch zu verfahren.

DAS SCHWEDENMÄDCHEN ANITA (Torgny Wickman, 1973)
DAS SCHWEDENMÄDCHEN ANITA (Torgny Wickman, 1973)
DAS SCHWEDENMÄDCHEN ANITA (Torgny Wickman, 1973)

Man könnte daran Redundanz, Didaktik und Körperschau monieren, das Gegenargument zieht allerdings einen fesch-ranzigen Schirm anhand von Optik und Kulissen drüber. Stockholm und Umgebung mausern sich zur Tristesse im groben Korn, wo sich die Trophäen der Heimeligkeit (Gewehrtapeten und Pudel in Adidas-Taschen) gleichsam finster mit Drogenkultur und intellektueller Ausgrenzung verkuppeln, Kommerz und Technik merklich an Kommunikation mangeln. Missgunst und üble Nachrede ergeben von der Perspektive Anitas ausgehend noch das höchste der Gefühle, während Regisseur Wickman vieles im Schweigen erzählen lässt, verschämte Blicke als Mittel des Vorwurfs herauskristallisiert. Seine Stationen zum sozialen Abstieg hin sind von Klischees gezeichnet, wie es unter den Voraussetzungen wohl unvermeidbar ist – umso überraschender findet man frische Luft in der Präsenz Anitas vor, mit der Frau Lindberg voll Natürlich- und Verletzbarkeit stets über dem Ausdruck bloßen Elends steht, selbst wenn die tiefsten Bodensätze der Gesellschaft erreicht sind. Da wirkt das nicht gerade moralinresistente Happy-End schon wieder etwas aus der Luft gegriffen, höchst naiv und erst recht von keiner dringlichen Fallhöhe hervorgebracht – höchstens von einem hormonellen Ventil, das die Einseitigkeit der Nymphomanie allmählich wie nicht wirklich überzeugend ausgleicht. Ulk und Melancholie eben liegen nicht nur in jenen Gefilden oft umschlungen.


Scott Adknis, Rhona Mitra, Robert Knepper


HARD TARGET 2 (Roel Reiné, 2016) – Scott Adkins verschlägt es zum wiederholten Male in der Geschichte dieses Blogs aufgrund einer verschämten Vergangenheit des Tötens in asiatische Dschungel, genauer Richtung Myanmar – nun aber als Gejagter der digitalen Neuzeit Wes Baylor, der den Vorbildern John Woo und Jean-Claude Van Damme, zusammen mit DTV-Journeyman Roel Reiné, die Ehre der The-Most-Dangerous-Game-Überwältigung erweisen will. Sein Graf Zaroff heißt in diesem Fall Aldrich (Robert Knepper, „Twin Peaks – The Return“) und arbeitet mit Militärs und Freizeiträuden zusammen, per gehässiger Coolness auf flüchtende Menschen einzuballern. Falls jemandem die Flucht vor ihnen gen Grenze gelingen sollte, wäre ein Sack voller Rubine auf dem Konto gesichert – der spätere Quasi-Love-Interest Baylors, Tha (Ann Truong), will damit hingegen die Freiheit ihres Dorfes erkaufen. Eine sehr direkte und Genre-naive Motivation, welche umso harmonischer jene Baylors konterkariert, der im mentalen Strom der Wiedergutmachung seinerseits das Strandhaus zu erwirtschaften gedenkt, welches sich sein von ihm im MMA-Ring getöteter BFF Jonny (Troy Honeysett) so sehr wünschte. Letzterer hinterließ Frau, Kind und massive Schuldgefühle seitens Wes, der sich seinen selbstgewählt mickrigen Exil-Lebensunterhalt mit Untergrund- wie Wolkenkratzerkämpfen verdient, ehe das Aldrich-Angebot als roher Fisch auf dem Tisch landet. Der frisst sich das Filet allerdings so „geilstens“ rein, dass man flugs das Hauptunterhaltungsargument in Robert Knepper feststellt. Der liefert durchweg ab, Reiné will da auch gern hinterherkommen, nicht nur die Enthüllung dessen Plans in markiger Steadicam-Rundfahrt ballen, sondern natürlich auch orgiastische Action im Stile des Vorgängers aufbieten.



Im Grunde gelingt ihm dies auch – Zeitlupen, Tauben, Napalm, Motorräder, Flinten und Fights machen einiges an Aufwand sowie BOAH!-Spitzen geltend; können trotzdem irgendwie nur in Portionen zuschlagen. Liegt mitunter daran, dass deren verbindende Fäden eher mit Beliebigkeit und Klischee-Dialogen ziehen, während Super-Adkins‘ Herausforderer selten ernsthaft und fix in ihre Schranken verwiesen werden. Reiné schafft dementsprechend eher ab und an (vor allem zu Beginn) die Klimax-Euphorie Woos, genauso gedrosselt dessen Extravaganz und exzessives Chaos – dafür drückt das Budget zu sehr, selbst wenn noch immer reichlich um die Ohren fliegt. Die Szenarien zwischen stillgelegten Bahnschienen und brüchigen Brücken geben in der Richtung genug an Feuer her, ihr Charakter bleibt dennoch unausgegoren. Der Cast leistet dem in der Hinsicht Folge, dass einzelne Momente (wie Baylors Elefanten-Slapstick oder seine Blutspucker in perfekter Rillenform) unter der Oberfläche der Schnörkellosigkeit kratzen und trotzdem irgendwie auf Durchzug geschaltet sind. Zu blöd, wenn sie damit sogar an die knapp 103 Minuten durchhalten müssen. Von Enttäuschung mag ich trotzdem nicht sprechen – die bloße Ahnung vom Level an Passion, die in der Rückkehr zum Woo-Feeling steckt, feuert allesamt bis zum Ende an und klinkt sich zudem stimmig ins altbekannte high drama aus Vergebung und heroic bloodshed ein. Die Schlussmomente können da zwar nicht mit denen der „Lady Bloodfight“ mithalten, aber das können und wollen eh nur noch die wenigsten im Genre.




DEATH CURSE OF TARTU (William Grefé, 1966) – In den Sümpfen der Everglades binnen Florida ist weiß Gott nicht viel zu holen. Unter der Prämisse eines flotten Horrors für die Drive-In-Saison lässt sich B-Movie-Autorenfilmer Grefé allerdings dann doch einige mythische Schwergewichte einfallen. So lasten einem die sterblichen Überreste des Indianermedizinmanns Tartu gar garstig tierische Flüche an, sollte man zwecks niederer Beweggründe in sein Hoheitsgebiet eindringen. Archäologen und Schatzsucher gehören da ebenso zum Beuteschema wie einige unbedarfte Teenie-Pärchen voll hipper Tanzmoves und Hormonüberschüssen. Keiner jener Beteiligten versucht den jeweils spekulativen Stereotyp seinerseits zu brechen, da man ringsum schon mit allzu kleingehaltenen Ressourcen in Sachen Filmform und -inhalt Vorlieb nehmen muss: Grefé und Crew kommen mit ihrem Equipment stets nur an ein und denselben Ufern und Totenköpfen an, weshalb jeder einzelne Spaziergang im Angesicht der Schrecklichkeiten so lange währt wie das Drehbuch dünne ist. Solche Bedingungen fallen ja wie gehabt anhand kurioser Spitzen nicht unsympathisch aus, zumal sich die Entschleunigung auch hier fortwährend als Drama-Queen behauptet.



Das bedeutet vor allem, dass sich der Soundtrack im Loop selbst bedrängt, ebenso Native-Gesänge in kurzatmigster Wiederholung ausbreitet und daraus Furcht schöpft, während die Parallelmontage ebenbürtig Jäger und Gejagte annähern lässt. Ausgerechnet Anakonda, Alligator und Haifischflosse werden da die unausweichlichen Reißer für zig Frauenschreie und Bastelkurs-Effekte, so wie sich männliche Begleiter im Gegenzug mit Rationalitäten belabern, was man als nächstes tun müsse. Selten dämliche Fragen füllen die Laufzeit wie zuvor noch Freizeitspaßversuche im Ödland, dass dem Zuschauer das Herz aufgeht, wenn solch ein Augenmerk auf die höchsten Stufen altbackener Belanglosigkeit gelenkt wird. Es folgen daher: Bikini-Partys mit Knutschfalten, Panik in der Styropor-Gruft voll Spinnweben, panisches Abhängen an Ästen, Sprengstoff per Schießpulver (aus zwei Kugeln), Leichen-Make-Up vom Formate Geisterbahn, schon nach 200 Metern Flussweg überforderte Motorboote, vielerlei Totalen schwüler Naturschutzgebiete. Anstrengend, angestrengt und trotzdem recht dufte!

Sonntag, 18. März 2018

Von Versuchen, Menschen näher zu kommen (Tipps vom 05.03. - 18.03.2018)

Dieter Degowski Richy Müller Rösner Jürgen Vogel 50 Cent


Liebe Leser,

in den letzten Wochen war immer so viel los im Leben des Witte, dass ich mein Hobby der Filmkritik zwangsläufig vernachlässigen musste. Kleines Beispiel: Da ist ein Musikvideo erschienen, wo einige Einstellungen von Kränen und Abrissbirnen meiner Kamera führenden Hand entstammen! So kann es einem ergehen, aber denkt ja nicht, dass ich nur wenige gute Filme sah, oh no! Hier hat sich von der reinen Menge her vieles angeboten, aber sobald ich mir die Zeit nehmen wollte, lange und ausgiebig schriftlich darzulegen, warum sie mir gefallen, machten mir externe Faktoren wieder einen Strich durch die Rechnung. Sind halt jetzt andere Zeiten als noch vor 3 oder 4 Jahren. Habe selber letztens drauf zurückgeblickt und war überwältigt, wie viel und in welcher Menge an Abschnitten hier jeweils Woche für Woche an Filmen empfohlen wurden! Aber es braucht keine Traurigkeit in solchen Zeilen – ich mach ja weiter, nur anders (?)! 


Annihilation Poster 2018


Das ist eventuell die Schlusspointe des neuesten Netflix-Release „Auslöschung“, aber da sind sich ja nicht alle einig, wo doch so viele Theorien der Aufschlüsselung herumgereicht werden. Vielleicht ist’s eh nur eine künstliche Aufregung um einen Film, der seinen Ruf nur bedingt einlösen kann. Zu komplex für den Kinoeinsatz sagen die einen, Sci-Fi-Meilenstein proklamieren die anderen. Ich will’s nicht so eng sehen, denn mir ging er höchstens im Finale richtig nahe – da war Alex Garlands Inszenierung auf einmal so stark konzentriert im Sog, so vom Bauchgefühl her und nonverbal im Kosmos unbekannter Ängste und Mimikry herantastend, wie es der ganze Film gerne hätte sein können. Vorher allerdings gibt er einen recht mäandernden Rahmen vor, wie genau das Spannungsfeld erneuter außerirdischer Invasion zu verstehen ist: Eine Expedition ins Herz der Finsternis als Selbstbeweis Natalie Portmans für die Wissenschaft oder auch wahlweise den Ehegatten (Oscar Isaac) – von Anfang bis Ende so schicksalsschwer mit Rückblenden und ausgestellten Mysterien beladen, dass es dem kollektiven Schauspiel schon die Luft abwürgt. Portman allerdings ist seit jeher stets bemüht, echte Menschen darzustellen – hier muss sie sich zudem in eine oberflächliche Crew einreihen, die ihr Handeln zwar ausgiebig (manchmal auch sehr plump) verbalisieren, aber eben nur vom angeteaserten Rollentypus her (bzw. manchmal auch gar nicht) motivieren kann. Genauso verhält sich Regisseur Garland mit seiner fulminanten Bilderwelt, die an sich eigentlich gut mit Faszination liebäugelt, aber stets auf Distanz bleibt, ebenso frustrierend an der Immersion vorbeimontiert ist.



Man könnte argumentieren, dass das von der vorsichtigen Lösungssehnsucht der Charaktere herrührt - auf dem Papier sollen sie dann aber wiederum durchweg von Desorientierung und Angst gezeichnet sein, was in Filmform einiges an Überwältigung missen lässt; im Fall der etwas doll klischierten Gina Rodriguez am ehesten für Hysterie (und sogar Gore) sorgt. Ich hab den Vergleich schon auf Twitter gezogen, aber jene gedrückte Handhabe ging bei mir größtenteils nicht über den Habitus von „Transcendence“ hinaus (der ja auch positive Aspekte an sich hatte, nicht falsch verstehen). Es lässt sich auch nicht ganz von der Hand weisen, wie Garland das Verhältnis von Fragen und Antworten aufwiegt bzw. wie er die Deutung derer dem Zuschauer abnimmt – selbst wenn er sich in einer (nicht immer gelungenen) Verschachtelung übt, welche das labile Wesen des Menschen sowie seiner Wahrnehmung ins Gewissen rückt. Der Punkt ist durchaus die stichhaltigste Schlussfolgerung des Films, der darin auch Ängste der Übernahme aus unserer Gegenwart behüteter Identitäten reiht, als kämen die Körperfresser wieder zu Besuch. Dafür nimmt der Film aber auch einige Plattitüden an Menschenkenntnis in Kauf, die es einem einfacher als nötig machen und letztendlich halt auf eine Odyssee reißerischer Entdeckungen/Schocks abzielen (die Formulierung werde ich mir heute mehr als einmal erlauben). Von dem bewährten Konzept aus kann man dem Film noch gut folgen, allerdings war’s letztendlich doch ein beschwerlicher Weg aus obligatorischen Vertrauensfragen und Was-ist-das-erklärs-mir's hin zum finalen Rausch. 


Jared Leto Tadanobu Asano


Etwas weniger als das bietet hingegen der ebenfalls auf Netflix neugestartete „The Outsider“ an. Regisseur Martin Zandvliet wollte ich da im Vertrauen mehr Kompetenz anrechnen, da ich seinen „Unter dem Sand“ noch für effektives Spannungskino verhärteter Fronten im Frieden hielt. Eben dessen Thema, wie ehemalige Kriegsfeinde zu Freunden werden können, wie Schuld und Gewissen innerhalb neuer Abhängigkeitsverhältnisse abzugleichen sind, mag ihn auch zu diesem Stoff geführt haben – doch mit dem Herzstück an Kontrasten kommt er nicht weit, wenn Jared Leto als G.I.-Yakuza-Konvolut sehr typische Genrepfade erneut bewandert und aus rein stumpfer Anpassung ins Pathos ehrwürdiger Rache rutscht. Ich schätze, es geht ihm da noch um die mentalen Folgen von Militär und Kriegsgefangenschaft - Leto und Zandvliet wissen aber scheinbar kaum, wie sie diese Hülle an sich zumindest zur Hülle ausfüllen können. Zudem scheint Zandvliet auch sein sonstiges inszenatorisches Geschick abhanden gekommen zu sein. Anstatt Spannung zu ballen, verlässt er sich auf Steadicam-Strecken, Neonfarben und die ältesten Kamellen von Schuss und Gegenschuss, um irgendwo ein Hauch von Zen auszumachen. Es bleibt aber Wunschdenken, solange die Verhältnisse untereinander mit Binsenweisheiten, Territorialdrohungen und reaktionärem Gangster-Einmaleins allein begossen werden.



Und das ist dann keine sich ins existenzielle Nirwana steigernde Poesie à la Kitano, sondern ein Märchen aus 1001 zuvorgekommenen Filmen, das allenfalls noch von der Ambivalenz seiner Hauptfigur unterwandert wird. Aber ist diese überhaupt tatsächlich präsent oder nur ein Ventil für eruptive Gewaltmomente? In denen wacht der Film ja am Meisten auf und hält selbst dann spekulativ drauf, wenn auch zum dritten Mal hintereinander der kleine Finger abgeschnitten wird. Solche Szenen sagen zwar aus, wie weit der Gaijin für seine Befreier gehen würde, aber es wird letztendlich nur im lustlosen Abhaken an Topoi draus geschlossen, wie dieses Verhältnis z.B. im Kontrast zum eigentlichen Nachkriegsverhältnis anno dazumal steht, eben was jene wechselseitige Anpassung macht oder ausmacht. Universelle Bruderschaft, gar die sehr altbackene Liebe zum exotischen Mädel? Irgendwo lungern profunde Werte, werden aber so oder so vom Film her aufs Mühseligste in drei Akten aufgelöst. Die Motivation des Narrativs gründet sich dann zwar noch immer auf der (spätestens seit Kurosawa/Leone erwiesenen) Faszination der westlichen Welt zum Themenkomplex Nippon und andersrum, verharrt aber in der Hemmung, schlicht von außen rein zu schauen und infolge dessen aus dem Innern in die Beliebigkeit zurück zu starren. 


Marie Bäumer Romy Schneider


Ein Stück weit mit demselben problematischen Ansatz hadert auch das neue Romy-Schneider-Porträt „3 Tage in Quiberon“. Emily Atefs Berlinale-Beitrag probiert anhand eines reduzierten Naturalismus, das Wesen der berüchtigten Protagonistin binnen purer Intimität zu verinnerlichen. Zentral dafür gerät eine Interview-Situation mit Vertretern des Stern Magazins in eskalierende Gewissensangriffe über, welche ihr Subjekt mit aller Gewalt zu fassen versuchen sowie mit voller journalistischer Grenzüberschreitung auf Widerstände des Privaten einbohren (auch den Sekt aufstellen, obwohl Romy auf Entzug sein soll). Die Auflösung einer Person des öffentlichen Lebens scheint keine Gefangenen zu machen, obgleich man hauptsächlich Reaktionen denn wirklich konstruktive Reflexionen erwarten dürfte. Seelen-Exhibitionismus halt. Mit der Realität müssen sich Film und Zuschauer (hoffe ich doch) zwangsläufig ebenso abfinden, also dass innerhalb solcher Rahmenbedingungen nichts Absolutes an der Person Schneiders feststellbar sein wird. In der Umsetzung aber beruft sich der Film offenbar auf eine immerwährende Melancholie ihrerseits, eben eine, die sie mit ihrem Markenzeichen der hinterher hängenden Kindlichkeit zu überspielen versucht. Ein bisschen Image, ein bisschen Anti-Image, fertig ist der Lack? Unter Umständen geht man mit so einer Charakteristik eher noch in Sachen biographischer Einzelheiten in die Tiefe, wirklich vielschichtig fällt der filmische Wert dessen auf dem Papier dann trotzdem nicht aus. Dass es nicht so herbe ins Gewicht fällt, ist Marie Bäumer zu verdanken, die selbst aus der noch so peniblen Mimikry des Interviews stets Echtes nach vorne fördert. Das funzt auch daher so stimmig, weil der Film ihr nicht in die Quere kommt. Der wirkt im Gegenzug seiner selbst willen oft zu diszipliniert-distanziert, von einer nie aufgelösten Inkonsequenz und Irrelevanz unterlaufen. Gut, es basiert explizit auf etwas Echtem und wenn man das vermitteln will, ist manch hingenommene Leere sogar ein Muss. Trotzdem nutzt Atef auch abseits dieses Faktums kaum was an filmtechnischen Möglichkeiten, auf etwas Inneres in jenen Etappen hinzuweisen, außer Motive einer stinknormalen Kuranstalt – in Schwarz-Weiß immerhin!



Die Spannung kommt in jenem Szenario deutlich aus der zwischenmenschlichen Reibung, aber ihre Gestaltung, Kameraführung und Sounds bleiben konstant auf demselben Level von basic coverage. Es kann uns eigentlich kaum gleichgültig sein, was wir da sehen, aber genau mit dem Gefühl wird man angefüttert/hinausgezögert, was nicht mal mit dem Unterbau einer einnehmenden Atmosphäre ausgeglichen wird. Es ist dermaßen unpersönlich, aber die Unpersönlichkeit fließt so gut wie gar nicht ins Narrativ ein – dafür ist alles am Hotel und seiner Therapie zu gemütlich ins rechte Licht gerückt (Gegenbeispiel hierfür: „Die Sehnsucht der Veronika Voss“). In dem Sinne macht Quiberon seine 115 Minuten so schwer wie er dünn ist. Dennoch gibt es einzelne Situationen, die aus dem Nichts mit Haltung glänzen. Exemplarisch sei da die Kneipenszene genannt, in welcher die Euphorie der Trunkenheit auch inszenatorisch von einer Person zur nächsten schlendert, dort eine Möglichkeit des Seins aufbereitet, die der ansonsten übergreifenden Existenzverdrossenheit des Films etwas Paroli bietet. Genauso gut dürften die Anflüge zarter Freundschaft innerhalb des Quartetts um Schneider, Freundin Hilde Fritsch (Birgit Minichmayr) und Journalisten (Robert Gwisdek und Charly Hübner) greifen, wenn sie denn nicht ständig von der Sorge bzw. der Ausbeutung der Sorge überschattet wären. Im Dialog stellt der Film diesen Umstand sogar an sich selber fest – es fällt ihm aber nur für wenige Momente ein, aus jener Monotonie wirklich auszubrechen, z.B. wenn der Kellner mit Hilde flirtet oder wenn der Film in kurzen Stichpunkten auf die Brüchigkeit derer kommt, die nicht Romy Schneider heißen. Und dankenswerter Weise schließt Atef auch mit einer Note des Aufschwungs, der Ablösung vom Zwang des per Öffentlichkeit verprellten Ichs. Doch mit solch einer dem Zuschauer gereichten Methodik bleibt der Film halt nochmals absolut vage. Kann ich auch jetzt noch nicht beurteilen, ob’s in dem Fall positiv oder negativ nachwirkt. 


Jim Sheridan Curtis "50 cent" Jackson


Ausgesprochen positiv eingestellt war ich in letzter Zeit allerdings gegenüber Jim Sheridans „Get Rich or Die Tryin‘“, obgleich der Film in seiner verfremdeten Selbstdarstellung des 50 Cent Curtis Jackson weit vereinfachter auf Biographisches blickt, in eine trivial verdauliche Gut-gegen-Böse-Chronologie vom Street Life bettet. Die Glorifizierung des Gangsta-Raps ist dementsprechend von vielerlei Grauzonen getilgt oder an den heikelsten Stellen so überspitzt ins Positive gepolt worden, wie es inzwischen nur noch voll Fragwürdigkeit amüsieren kann. Drehbuchautor Terence Winter ließ später auch den „Wolf of Wall Street“ in seiner Selbstherrlichkeit auflaufen, hier vermengt er seinen Mangel an kritischer Distanz aber noch mit höchst spekulativer Milieu-Zeichnung – und das obwohl die Beteiligten alle Möglichkeiten hätten, sich aus ihrem jeweils aufgepeitschten Klischee herauszulösen. Umso kurzweiliger kommt das Biopic-Prozedere sofort auf Intensivstation, den Mythos des kugelsicheren Multitalents im high drama totalen Ghetto-Kintopps auszustaffieren – wo die Kindheit um die Hooker-with-a-heart-of-gold von Mutter kreist, später per Mentor ins Drogen- wie Hip-Hop-Geschäft einsteigt, um letztendlich sich selbst, den echten Daddy/Muttermörder sowie eine glückliche Vervollständigung mit Frau und Kind zu finden. Würde man noch klassische Musik druntermischen, müsste „Moonlight“ hier einen ernsthaften Konkurrenten fürchten – und damit ist nicht nur vom thematischen Gehalt her die letztendlich rahmenbildende Bromance zu Terrence Howard oder die Hassliebe von/zu Drogen-Kingpin Majestic (Adewale Akinnuoye-Agbaje) gemeint. Klar, ist jetzt ein überkandidelter Vergleich, aber zumindest im Sog machen sich beide Filme ebenbürtig um Aufmerksamkeit verdient. Der eine lässt halt seine Charakterstudie in Bildern nachfühlen, der andere in ultravulgärem Cliquen-Slang auf der road to success.



Und dann kommen noch durchweg kindliche Anwandlungen des Protzens zur Geltung, die selbst per Mietwagen auf dicke Hose machen – dann nennen ihn nämlich alle im Viertel „den Hübschen“, zu drollig! Auch irgendwie kindlich geht der Film mit einem um, wie plötzlich Handlungselemente und Figuren eingeführt werden, die im Ensemble als selbstverständlich gelten, gar auf einmal weitreichenden Einfluss von Kindesbeinen an haben – obwohl die zu dem Zeitpunkt im Film kaum anwesend waren, trotzdem großen Aufwind produzieren. Man bemerke dafür allein die Wiederbegegnung unseres Marcus (50 Cent) mit seiner angeblichen Jugendliebe Charlene (Joy Bryant) und wie weit das ab dort entwickelt wird/zurück gehen soll. Es wird nicht der einzige wundersame Irritationspunkt des Films bleiben. Falls man davon mal nicht kurios am Halse gepackt wird, stehen die Dialoge Schlange, einen mit drübberen Proklamationen und inspirierenden wie bedrohenden Phrasen auf die schiefe Bahn zu führen. Die ganze Aufregung ist so sympathisch aufs Epische im Profanen aus und innerhalb seiner ballernden Missetaten zudem energisch mit Erklärungs-/Deeskalationsversuchen gewappnet, dass man kaum glaubt, welch Krönung noch auf einen wartet: Die Messerstecherei in der Gefängnisdusche! Die geht auf die Barrikaden wie eine Mischung aus „Eastern Promises“ und „Zwist in Zellenblock 99“, wie eruptiv da mit Klingen, Seife, Schwänzen und Polizeiknüppeln um Gerechtigkeit und Aufstand gehadert wird, ehe eine neue Brüderlichkeit entsteht. Hätte sich das Intro von „The Outsider“ mal mehr hiervon abgeguckt! Man sieht: Es gibt viele einzelne Faktoren/Sequenzen/Eigenarten, die den Film hier mächtig gewaltig pimpen, obgleich er in Sachen Feingefühl erwartungsgemäß stets in der Klemme steckt – wartet mal ab, wie Oscar-verdächtig es sodann rüberkommt, wenn 50 Cent mit zugenähtem Mund in Beziehungsprobleme der Kommunikation abgleitet: Wie der ganze Film ein problematischer Mordsspaß in Formvollendung! 

Eine gute Überleitung übrigens zu meinem nächsten Trio - gewiss wieder eins, das (passend zu den anderen Beispielen dieser Ausgabe) mit der medialen Interpretation von Tätern und Opfern jeweils sehr wählerisch Spannung per Provokation erzeugt. Und zwar handelt es sich um drei Verfilmungen der Causa Gladbeck. Innerhalb der letzten Wochen dürfte der hiesigen Allgemeinheit wieder des Öfteren in Erinnerung gerufen worden sein, was im August 1988 binnen der BRD geschah. Ich will daher nicht nochmal wiederholen, wie das tödliche Geiseldrama des Trios Rösner/Degowski/Löblich verlaufen ist oder wie ich die Handlungen von Polizei und Presse werten würde. Für jede Position zu diesem Sachverhalt gibt es nämlich schon mindestens einen Spiel- bzw. Dokumentarfilm und um in dem Sinne mal einen Überblick zu geben, beäuge ich drei Vertreter, die allesamt aus ihren individuellen Gründen auch kein vollends differenziertes Bild dessen liefern können: Zum einen wäre da das eher schwache Drama „Ein großes Ding“ von Bernd Schadewald. Der Regisseur hatte sich mir mit Filmen wie „Angst“ (1994) als Blickverstärker der geläufigen Sozialstudie gezeigt, indem er besondere Härtefälle menschlicher Untiefen entsprechend schroff im Naturalismus anordnen konnte (siehe auch den etwas gemäßigteren, aber stilverwandten Uwe Frießner). Sehr grell, aber auch sehr nah. Dasselbe wollte ich mir von seiner losen Adaption der Gladbeck-Chronologie erhoffen, doch allein die Besetzung von Richy Müller, Jürgen Vogel, Uwe Fellensiek und Katja Flint ist schlicht zu viel des Guten. Ab und an wurde ja argumentiert, dass der Cast zur Parodie neigen will, doch wenn man als Maßstab ohne Weiteres Christoph Schlingensiefs „Terror 2000“ nehmen kann, wirkt es umso befremdlicher, wie die realen Ereignisse hier gleichsam für einen echten Zweiteiler-Krimi Pate stehen und in den Abänderungen auf plumpe Kolportage angesetzt werden. Die Trivialisierung nimmt Überhand, nur im Vergleich zum 50-Cent-Film entsteht da lediglich bedingt ein Unterhaltungswert – zumal Müller und Vogel permanent am Schreien sind; Verfolgungsjagden, Fluchtsituationen sowie die Rollen von Medien und Polizei ohnehin auf eindeutiges TV-Niveau hin aufbereitet sind. Interessant am Film ist aber, wie er einem die Gangster sogar noch sympathisch zu machen versucht – eben als rotzige Typen, die eigentlich ganz nett sein wollen/könnten, ihren Nichten Gute-Nacht-Geschichten erzählen und sich schlicht ein besseres Leben wünschen, wenn man sie nicht vorsorglich-lebenslänglich in die soziale Endstation verfrachtet hätte. 


Richy Müller Rösner


Solche Argumente präsentiert in etwa auch der Dokumentarfilm „Der Geiselgangster von Gladbeck“ von Uta Claus. In diesem recht frühen Portrait von 1991 wird speziell der Lebensweg Dieter Degowskis durch Zeitgenossen nacherzählt und interpretiert. Ehemalige Nachbarn, Kollegen, eines seiner Geschwister, ehemalige Geiseln sowie Psychologen und sogar sein Strafverteidiger kommen zu Wort. In den Gesprächen wird eine grausame Kindheit offenbart, folglich auch in welchen Bedingungen kaum Hoffnung für den Mann keimen konnte und in welchen Kreisen er sich also fortwährend noch was wert fühlte. Alles Aussagen, die in konkreter Abbildung zwar nicht werten, in der Ballung aber natürlich Partei ergreifen müssten. Dagegen stehen ausgerechnet die Aussagen, die in Richtung Sympathie gehen, da sie allesamt von einer gewissen Naivität herrühren – Schwester und Kumpel meinen, dass er mit ihnen mitgekommen wäre, wenn sie frühzeitig dagewesen und die Polizei sie nur gemacht lassen hätten; Strafverteidiger und Psychologen lassen zudem jeden verhängnisvollen Impuls als Reaktion auf die Vergangenheit oder auch jede Behauptung der Reue als Anlass zur Schuldverminderung gelten, selbst wenn sie noch so bizarr klingen mögen (u.a. Degowskis Anruf ans Totenreich, dass Silke Bischoff ihm auf dem Wege schon verziehen, er Emanuele De Giorgi aber noch nicht erreicht hätte). Was seine überlebenden Opfer zu ihrer Begegnung mit ihm zu sagen haben, scheint zudem hauptsächlich von Unberechenbarkeit gezeichnet zu sein, eben wie wenig sie alles abseits der permanenten Furcht beurteilen konnten. Der Film hat also ein ziemlich offenes Auge für Mängel und Zwiespälte in der Menschenkenntnis seiner Zeit, als dass er händeringend um ein Urteil zur Person Degowskis argumentieren würde. In der Funktion vermeidet es der Film aber eher, die Rolle der Medien als Faktor in dem Fall kritisch zu betrachten – dann würde er sich ja selbst als erneute Projektionsfläche dessen reflektieren müssen, aber ohne diesen Aspekt wird die Sache wiederum heikler, insbesondere da einige Zwischentitel mit enorm finsterer Musik darauf hinweisen, welche Interviewpartner man aufgrund der Entscheidungen der Justiz nicht aufsuchen durfte. In eine ähnliche Falle tappte übrigens auch die Docu-Fiction RTL’s zu dem Fall, „Wettlauf mit dem Tod“ (1998), als diese die Mittäterin Marion Löblich selbst vor die Kamera zum Interview ranholte. Dort durfte sie sich dann im Nachhinein über die Aktionen von Polizei und Presse empören, auch dass man sie selbst hätte schneller schnappen müssen, bis sie in den nachgestellten Szenen zeitweise sogar zur Stimme der Vernunft hochstilisiert wurde. Wenn noch Brisanteres an Distanzlosigkeit in dem Film aufgetaucht wäre, würde ich jetzt auspacken, aber ich belasse es lieber dabei, noch zu erwähnen, dass Rudolf-Thome-Stammschauspieler Cornelius Schwalm hier eine seiner ersten Rollen als Rössner inne hatte! 


Dieter Degowski


Zum Schluss sei aber noch die aktuellste Adaption des Falls genannt, schlicht „Gladbeck“ - knapp rechtzeitig zum 30. Jubiläum der damaligen Ereignisse von Kilian Riedhof inszeniert und von der ARD als Zweiteiler zur Primetime ausgestrahlt. Die Beweggründe dafür sind mir im Nachhinein weiterhin etwas schleierhaft. Rein oberflächlich betrachtet gibt dieses Event einen ziemlich straffen Terrorfilm ab, der allerdings auch ausschließlich dieses Gefühl auszudrücken imstande ist. Jedes Mal, wenn er die Zwischentöne der einst tatsächlichen Reaktionen nachzuzeichnen versucht, wirkt er daher komplett neben der Spur und widersprüchlich binnen seiner selbst. Der inszenatorische Grundmodus der Bedrohung gibt zwar permanent Druck in (merkwürdig coloriertem) Cinemascope und Synth-Drones, doch da beißen sich erst recht die naturalistischen Eindrücke der Mimikry mit hochdramatisierten Drehbuchphrasen anhand von Einsatzleitern. Zudem sieht man sich als Zuschauer auch auf eine Emotionalisierung angesetzt, die dem Desasterfilm-Prinzip gemäß einzelne Vorgeschichten, Betroffenheits-Sequenzen und Gesten des Gefühls als Symbolbilder der Menschlichkeit spekuliert. Ist jetzt halt ein Film-Film, von daher sind Rössner und Co. vollends als fettige und räudige Monster ohne echten Kontext ihrer Präsenz gezeichnet. Da steckt man gar nicht mal uneffektiv und vor allem intensiver in der Sommerhitze der Angst drin, zumal sich der Thrill modern körperbetont zwischen Neonlicht und Bordstein reindrückt - doch es ist wie gesagt die einzige Stärke dieser Odyssee. Das größte revisionistische Potenzial hätte ich eigentlich in der Darstellung von P+P vermutet und da ist die Sache für wahr ziemlich kurios ausgefallen: Einerseits wollte Riedhof den Schock der stets vermasselten Annäherung an die Täter für den Effekt ausnutzen, andererseits den einzelnen Urhebern mehr oder weniger stets gerecht werden. Fast immer ist es ein Gewissenskonflikt, eine ethische Brenzligkeit, Zivilcourage, Überzeugung aus Angst oder eben eine Frustration, die gegen die eigene Überzeugung stimmen muss. Tendenziell entscheidet der Film in der Menge an Konflikten eher zugunsten der Polizei, à la „Die Gesetze sind zu lasch, es mangelt an Führung in solchen Fällen.“. Gibt man dem besorgten Bürger damit nicht Grund zur Sorge, dass die Polizei auch angeblich heute noch nicht das Rechte tun darf? Und dann auch noch gegenüber einer Presse, die das Spektakel frech und falsch für sich einnimmt? Nun, der Film ist in Wirklichkeit dann doch nicht fähig, irgendwas in der Sache aufzuwiegeln. Bei ihm verschwimmen die Ereignisse im Trauma der Machtlosigkeit und haben bei der Deeskalation des Individuums schlicht keine Zeit für Empörung. Unterschieden wird hauptsächlich zwischen Opfern, Tätern und denjenigen, die das Ganze beenden wollten. Dass es an jeder Stelle hunderte an Schaulustigen gab, will man dem Zuschauer daher auch eher verheimlichen, sonst müsste er den moralischen Diskurs der Handlungsunfähigkeit eventuell ja mit sich selber anstelle derer innerhalb dargestellter Machtpositionen führen. Puh, ein schwieriges Themengebiet, ganz bescheiden gesagt! 


ARD Degeto Zsa Zsa Inci Bürkle


Ich weiß jetzt gar nicht mal so recht, wie’s euch als Leser geht. Hmm, habt ihr denn in dieser Ausgabe an Tipps genügend Tipps erhalten? Ich weiß, diesmal ist wieder so eine Reihe zustande gekommen, in der ich eher die thematische Connection der Filme untereinander ausschreiben wollte. Dabei hab ich erstmals dank feiner Ausleihe vonseiten Siggi Bendix' einige teils grandiose Selbstläufer gesehen, wie z.B. „The Purple Rose of Cairo“, „Zwei Tage, eine Nacht“, „Ein Amerikaner in Paris“, „A.I. – Künstliche Intelligenz“ und vor allem „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“! Herrje, was für eine Auswahl – aber die Sache ist ja die: Ihr kennt sie schon und ich habe mich vor lauter Ehrfurcht erstmal zurückgehalten, Deutungen und Meinungen zu schreiben, die bei solchen Werken bestimmt schon zu Genüge ausklamüsert wurden. Tja… aber einen habe ich gesehen, der ist vielleicht nicht ganz so weitläufig im Kanon verewigt – und zwar Klaus Lemkes schöner kurzer „Mein schönes kurzes Leben“ von 1970. Der ist schmissig, elliptisch, vollkommen im Hier und Jetzt seines Problemfalls Mischa (Michael Schwankhart) auf geistiger Achterbahnfahrt, todtrist binnen der BRD-Großstadtmoloch-Monochromatik gejagt und doch höchst romantisch, keck und im Faustrecht, drogenschmuggelnd/-klauend und mit der Vergänglichkeit flirtend, in Wohnungen gammelnd oder an der Würstchenbude aufgedreht, total salopp nachsynchronisiert oder zaghaft mit der Sprache der Augen rausrückend, Musikvideo und urbanes Winter-Fegefeuer, im Spiegelspaß des Konsums wiederbegegnend, auf Erfolgskurs in der Plattenbranche gen Hamburg pendelnd und doch mit der Eifersucht auf der Flucht, überall von rabiaten Bullen und Gangstern gesucht und dennoch an der frischen Luft labend, ein Bonvivant der Anarchie und garantiert sterbendes Systemopfer zugleich. Was für ein himmlischer Ritt. Nach dem Film war’s dann nur noch halb so schlimm, dass ich am selben Abend im Folgenden die Oscars sehen musste. Aber wir kommen vom Thema ab - man liest sich beim nächsten Mal, danke!

Klaus Lemke WDR